text der woche

TAGWACHE

franz martin ist die meinung
seiner gattin wichtig
sie liegt mit dieser
in den meisten fällen richtig

was ihn nicht weiter
oder näher stört
nur heißt das nicht
dass er auf sie auch hört

zum beispiel neulich
als sie fragt warum
schleichst du so eigenartig
hier herum

willst du um diese zeit
noch aus dem haus
denk daran
wir müssen morgen zeitig raus

er hörts
und meint jaja
ich bin in einer stunde
wieder da

doch kaum sitzt er
in freundesrunde
geht es um viel mehr
als diese eine stunde

und es ist schließlich
wirklich schon sehr spät
als er – und nur weils alle machen
auch nachhause geht

den schlüssel hat er bald gefunden
das loch dazu noch nicht
wohlweislich verzichtet er
dennoch aufs licht

und merkt
nach ein paar fehlversuchen
begleitet von
fast unhörbarem fluchen

als er schon meint
er sei verkehrt
die tür
ist gar nicht zugesperrt

katzengleich
versucht er durch den raum zu schleichen
um unbemerkt
sein lager zu erreichen

weils äußerst ungelegen käme
in der tat
wenn gattin merkt
dass er noch nicht geschlafen hat

er schafft es irgendwie
bis an das bett
und merkt
die frau ist schlafend wirklich richtig nett

sehr darauf bedacht
ihr diesen zustand zu bewahren
und sich dadurch
viel ärger zu ersparen

beginnt er
des erhofften schlafes wegen
seine kleidung
leise abzulegen

da stellt ihm
wie könnts anders sein
des schicksals hinterlist
ein bein

er torkelt kurz
die frau erwacht
sie setzt sich auf
sieht was er macht

blickt auf die uhr
und kanns nicht glauben
was fällt dir ein
um diese zeit mir meinen schlaf zu rauben

kommst du etwa jetzt erst heim
wo warst du denn so lange
franz martin aber küsst sie
geistesgegenwärtig auf die wange

und meint
so überzeugend er nur kann
wo denkst du hin – komm steh auf
es ist zeit – ich zieh mich auch gerade an

aus   die kerlinger höhe

 

 

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