text der woche

wer niemals zweifelt denkt nicht
denkt er sich und zweifelt diesmal
keinen augenblick daran
mit seiner einschätzung recht zu haben
oder bestätige ich gerade damit
dass ich mit dieser behauptung
doch nicht richtig liege
er weiß natürlich
dass jedes kategorisieren erkenntnishemmend ist
dass jede verallgemeinerung wahrheiten filtert
dass dabei oft auch einfach ein wenig
über einen kamm geschoren wird
wenn auch nicht vorsätzlich
aber trotzdem unweigerlich und auf jeden fall
als nebenprodukt sozusagen
oder sollte man es besser abfallprodukt nennen
abfallprodukte systematischen denkens
ja genau
sagt er sich
denn dieser abfall
ist beim denken nie zu verhindern
und im selben augenblick merkt er
dass er sich schon wieder
in dieser unseligen denken-zweifeln-spirale
befindet
aus der man sich nur befreien kann
wenn man das denken abbricht
aber genau das ist die große schwierigkeit
für denkende
je weniger einer denkt
desto weniger zweifel hat er
geht er seine theorie noch einmal durch
das bedeutet umgekehrt
je mehr einer denkt
umso mehr beginnt er zu zweifeln
der mensch kann durch denken
paradoxa entwickeln
ist das denken selbst vielleicht
das größte paradoxon
eigentlich ist es so
denkt er sich
denn denken führt normalerweise
zu viel mehr neuen fragen als lösungen
wer also nicht denkt
hat für alles sehr schnell eine lösung parat

aus dem buch     das kloster