text der woche

leseprobe aus dem neuen buch
das kloster

er weiß nicht wie lange er schon dasitzt
ob er zwischendurch gedöst
geschlafen
geträumt hat
weiß auch nicht ob er die stimme im traum
oder wirklich
oder ob er sie überhaupt gehört hat
er fühlt sich ein wenig irritiert
nicht weil er sich mit der stimme nicht sicher ist
nein
sondern weil irgendetwas da ist
weil er irgendetwas fühlt
was er vorher nicht bemerkt
nicht wahrgenommen hat
ein gefühl wie angeschaut
betrachtet
beobachtet zu werden
man merkt manchmal dass man angeschaut wird
manche menschen merken das
sie können blicke spüren
manchmal
die stimme hat er längst vergessen
aber das gefühl
das gefühl er könnte etwas gespürt haben
dieses gefühl ist da
aber er weiß noch immer nicht
ob im traum oder wirklich
der abt steht lächelnd neben ihm
und grüßt ihn ein weiteres mal
wunderschön ist es hier
meint er
als er seinen gastgeber endlich wahrnimmt
und streckt ihm seine hand entgegen
der abt nimmt sie bereitwillig an
legt seine linke wie segnend darüber
und überwältigt seinen gast
mit der ihm selbstverständlichen freundlichkeit
herzlich willkommen in unserem kloster
es sind keine besonderen worte
aber die art wie sie geprochen werden
gibt ihm das gefühl
von einem guten alten freund begrüßt zu werden
die offenheit und ehrlichkeit
die ihm entgegenstrahlen sind unvergleichlich
ich hoffe ich störe nicht
meint er entschuldigend
aber da ich in der nähe zu tun hatte
sie müssen sich nicht entschuldigen
wir freuen uns über jeden besucher
unterbricht ihn der abt
und wenn sie wollen
führe ich sie kurz herum
aber davor darf ich sie noch
auf einen kaffee einladen
sie trinken doch kaffee
ohne die antwort abzuwarten
die unter diesen umständen
auf jeden fall positiv ausgefallen wäre
nimmt er mit seinem gast
nachdem er durch ein offenstehendes fenster
die nötigen anweisungen gegeben hat
auf einer terrasse mit schönem blick
auf die klostergärten platz
und atmet die angenehme frühlingsluft
mit ihren jahr für jahr gleichen
und doch immer neu
und überraschend wirkenden düften
lang und intensiv ein
hat uns der schöpfer
nicht einen schönen platz gegeben
schwärmt er
und lässt sein gegenüber darüber rätseln
ob er es als frage oder als feststellung meint
er könne ihm da nur beipflichten
gesteht er dann
im gleichen augenblick erkennend
dass es ohnehin keinen unterschied ausmacht
das kloster sei wirklich ein ganz besonderer ort
das kloster auch
präzisiert der abt
aber ich meinte eigentlich die umgebung
die landschaft
die natur
unseren ganzen planeten
ist die erde nicht ein ganz und gar
unglaubliches kleinod
eine unfassbare kreation
von wem auch immer
inmitten von milliarden weiteren
wenn auch wahrscheinlich unbewohnten
unfassbaren kreationen
im endlosen weltall

 

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